Interview mit Hendrik van Aken vom Hof Berkhöfel Teil 3

Hendrik van Aken vom Hof Berkhöfel
Hier nun der dritte Teil des Interviews mit Hendrik van Aken vom Hof Berkhöfel bzw. der Niederrhein Destille.
Lars Aspermühle:
Eben beim Whisky noch zur Lagertechnik: Welche Fässer verwendet ihr eigentlich? Und woher bezieht ihr die?
Hendrik van Aken:
Wir haben frische Weißeiche, Ex-Rotweinfässer und Ex-Cherryfässer. Außerdem verwenden wir ungarischen Tokajer, manchmal auch Amarone aus Italien. Dazu kommt noch Portwein.
Lars Aspermühle:
Okay, die unterscheiden sich dann natürlich auch geschmacklich deutlich voneinander.
Hendrik van Aken:
Ja, das sind wirklich Unterschiede wie Tag und Nacht.

Whiskey Fässer in der Niederrhein Destille
Lars Aspermühle:
Kommen wir noch einmal zu dem Hausprojekt. Wie sieht es dort mit den Behörden aus? Die müssen vermutlich ebenfalls eingebunden werden, wenn es beispielsweise um Baugenehmigungen oder eventuell notwendige Umwidmungen geht, oder?
Hendrik van Aken:
Nein, dadurch, dass die Nutzung weiterhin landwirtschaftlich ist, funktioniert das grundsätzlich problemlos. Wir müssen jetzt erst einmal abwarten. An diesem Punkt sind wir allerdings auch noch nicht. Zunächst muss der Förderantrag genehmigt werden, anschließend erfolgt die Bauantragstellung. Die Bauvoranfrage ist bereits gestellt und auch genehmigt worden.
Lars Aspermühle:
Ich glaube, die BLE ist in solchen Fragen auch relativ entspannt. Wir hatten mit denen hin und wieder zu tun, und ich habe sie immer als sehr umgänglich erlebt.
Hendrik van Aken:
Die sind wirklich sehr nett.
Lars Aspermühle:
Ja, das habe ich auch so empfunden. Wir hatten vor allem bei Importfragen immer wieder mit ihnen zu tun, weil sich in diesem Bereich gelegentlich Dinge ändern. Dabei waren sie immer sehr hilfreich.
Hendrik van Aken:
Ja, auf jeden Fall. Es ist einfach ein wirklich schönes Projekt, bei dem die Menschen, die dahinterstehen, mit großer Leidenschaft dabei sind. Ich hoffe, dass wir sie dafür begeistern und motivieren konnten und dass es letztendlich auch klappt.
Anmerkung Aspermühle:
BLE steht für Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Die BLE ist eine deutsche Bundesbehörde, die sich um Aufgaben in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung, Fischerei und ländliche Räume kümmert. Die Hauptaufgaben sind dabei die Marktordnung, der Außenhandel und die Überwachung der Seefischerei, inkl. Kontrolle der Fangquoten und Vergabe von Fangerlaubnissen. Außerdem ist sie für die Kontrolle und Zulassung von Öko-Kontrollstellen zuständig, für Forschung und Förderung und die statistische Datenerhebung im Lebensmittel-und Landwirtschaftsbereich.
BLE steht für Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Die BLE ist eine deutsche Bundesbehörde, die sich um Aufgaben in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung, Fischerei und ländliche Räume kümmert. Die Hauptaufgaben sind dabei die Marktordnung, der Außenhandel und die Überwachung der Seefischerei, inkl. Kontrolle der Fangquoten und Vergabe von Fangerlaubnissen. Außerdem ist sie für die Kontrolle und Zulassung von Öko-Kontrollstellen zuständig, für Forschung und Förderung und die statistische Datenerhebung im Lebensmittel-und Landwirtschaftsbereich.
Lars Aspermühle:
Ich musste gerade wegen der Baugenehmigung an etwas anderes denken. Kennst du Marco Scheel, diesen Landwirt mit den Schafen, der sich immer wieder über alles aufregt?
Hendrik van Aken:
Ja. Ich glaube, der hat ein ziemlich schwieriges Bauamt.
Lars Aspermühle:
Genau das war auch mein Gedanke. Ich habe mich gefragt: Was ist denn hier los? Deshalb musste ich gerade daran denken, als ich das Gebäude gesehen habe.
Hendrik van Aken:
Am Ende des Tages handelt es sich ja um eine Umnutzung, und das ist grundsätzlich kein Problem. Ich kenne seine Videos.
Lars Aspermühle:
Ich kann schon nachvollziehen, dass er seine Vorstellungen umsetzen möchte. Gleichzeitig ist er wahrscheinlich nicht ganz einfach im Umgang. An ihm stößt man sich vermutlich relativ schnell.
Ich glaube nicht, dass er besonders umgänglich ist.
Hendrik van Aken:
Ich glaube schon, dass er umgänglich ist. Ich glaube nur, dass er den Eindruck vermittelt, sich nichts sagen lassen zu wollen. Er hat seine Vorstellungen, und wenn ihm dann jemand im Weg steht, kann die Zusammenarbeit vermutlich schnell unangenehm werden. Gerade mit Behörden funktioniert das natürlich nicht.
Lars Aspermühle:
Genau das habe ich auch manchmal gedacht. Wenn er etwas entspannter an die Sache herangehen würde, würde es wahrscheinlich besser funktionieren.
Hendrik van Aken:
Das ist übrigens auch nicht unbedingt förderlich, wenn man ein YouTube-Video veröffentlicht, in dem man sagt, dass alle anderen „Pisser“ sind, und damit anschließend 20 Millionen Klicks erzielt. Das unterstützt die eigene Agenda wahrscheinlich nicht unbedingt.
Lars Aspermühle:
Andererseits würde man trotzdem sagen: Ihr könnt euch davon natürlich angegriffen fühlen, aber er versucht letztlich, etwas auf die Beine zu stellen, das durchaus sinnvoll ist.
Hendrik van Aken:
Auf jeden Fall. Und am Ende bekommt er ja auch noch jemanden dazu. Das ist wirklich schön
Lars Aspermühle:
Das ist so.
Nachfolgend eine kleine Reportage über Marco Scheel und Nordwolle.
Lars Aspermühle:
So, warte mal. Das Thema Subventionen hatten wir gerade im Grunde schon angesprochen.
Hendrik van Aken:
Dafür werden wir subventioniert. Ansonsten erhalten wir noch EU-Fördergelder, sowohl im Obstbau als auch im Ackerbau.
Lars Aspermühle:
Genau. Und wie viel Arbeitsaufwand entsteht dann durch die ganze Bürokratie?
Also, ich sage mal, auch bei einer Bio-Zertifizierung kennen wir das ja. Du musst sehr viel dokumentieren und den Behörden letztendlich bestimmte Dinge nachweisen. Es ist schon eine Menge. Zum Beispiel müssen bestimmte Waren- und Mengenflüsse dokumentiert werden.
Hendrik van Aken:
Ich würde sagen, dass etwa ein Viertel meiner Arbeitszeit auf Bürokratie entfällt – und das allein dafür. Zusätzlich kommen noch andere Dinge hinzu. Das sind teilweise nicht einmal buchhalterische Aufgaben, sondern einfach Dokumentationsarbeit. Die Agrarsubventionen nehmen einen sehr großen Teil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch.
Nachfolgend noch ein Video, das sich mit dem Thema Agrarsubventionen beschäftigt.
Lars Aspermühle:
Genau. Aber wie sieht es generell mit deiner Arbeitszeit aus? Wie viel arbeitest du ungefähr?
Hendrik van Aken:
Im Moment sind es etwa 50 Stunden.
Lars Aspermühle:
Pro Woche?
Im Monat wäre ja ganz entspannt. 50 Stunden sind schon nicht wenig.
Hendrik van Aken:
Doch, das ist eigentlich noch ganz gut.
Das kann natürlich auch anders aussehen.
Lars Aspermühle:
Ja, klar. Aber wenn du das einmal mit einem, ich sage mal in Anführungszeichen, normalen Job vergleichst, bei dem du 38 Stunden in der Woche arbeitest, ist das ja schon ein gutes Stück mehr.
Hendrik van Aken:
Ja, klar. Aber ich bin auch Geschäftsführer.
Lars Aspermühle:
Genau, das ist natürlich ein entscheidender Punkt. Und ich glaube, was man dabei oft gar nicht sieht: Der Job endet ja nicht unbedingt mit dem Feierabend. Ich kenne das von mir auch. Ich sage dann beispielsweise: „Ich gehe jetzt mal mit dem Hund spazieren“, und währenddessen denke ich die ganze Zeit über irgendwelche Dinge nach, telefoniere, schreibe Nachrichten oder organisiere etwas.
Hendrik van Aken:
Ja, das Telefon hört einfach nie auf.
Lars Aspermühle:
Genau.
Hendrik van Aken:
Also momentan geht es. Ich finde, 50 Stunden sind derzeit wirklich in Ordnung. Es gibt natürlich auch Zeiten und Saisons, in denen das deutlich mehr wird.
Lars Aspermühle:
Okay, in der Erntezeit wahrscheinlich?
Hendrik van Aken:
Mehr, ja. Wenn im Ackerbau zusätzlich noch einiges anfällt, sitzt man schon mal ein oder zwei Tage hintereinander auf dem Trecker. Dann kommt man natürlich auf mehr Stunden. Aber momentan ist es wirklich gut machbar.
Lars Aspermühle:
Okay.
Hendrik van Aken:
Ja.
Lars Aspermühle:
Gut, es macht natürlich auch noch einmal einen Unterschied, ob es ein positiver oder ein belastender Stress ist. Wenn man etwas macht, von dem man sagt: „Das macht mir richtig viel Spaß“, ist es wahrscheinlich weniger problematisch. Anders sieht es aus, wenn man ständig gegen etwas anarbeiten muss, das unglaublich nervig ist.
Hendrik van Aken:
Ja, genau.
Lars Aspermühle:
Aber hast du dann eigentlich noch Zeit für Urlaub, oder sagst du, dass dir das in diesem Fall gar nicht so wichtig ist?
Hendrik van Aken:
Doch, Urlaub ist mir schon wichtig. Ich nehme meinen Urlaub auch. Es ist übrigens spannend, wie unterschiedlich das in der Landwirtschaft gehandhabt wird. Das unterscheidet sich teilweise erheblich zwischen den einzelnen Betrieben. Manche Betriebe sagen: „Das geht überhaupt nicht.“ Ich halte das ehrlich gesagt für absoluten Schwachsinn. Vielleicht bin ich wirtschaftlich dadurch nicht ganz so erfolgreich. Vielleicht geht mir auch einmal eine Kultur kaputt, weil ich gerade im Urlaub bin oder so.
Vielleicht ist das auch eine etwas privilegierte Situation, in der ich mich befinde, weil ich aus einer anderen Struktur komme. Ich bin eigentlich Quereinsteiger in der Landwirtschaft.
Wie Urlaub in der Landwirtschaft möglich ist, erläutert das folgende Video.
Lars Aspermühle:
Und du konntest deinen Betrieb quasi so aufbauen, wie du ihn haben möchtest, und bist nicht aus einem bereits etablierten Betrieb gekommen, bei dem du zunächst einmal dafür sorgen musst, dass dieser wirtschaftlich funktioniert und entsprechende Erträge erwirtschaftet?
Hendrik van Aken:
Genau. Es ist aber auch einfach so, dass beispielsweise die Milchviehhaltung noch einmal ein ganz anderer Bereich ist, in dem du eigentlich ständig präsent sein musst.
Aber ich sehe es so: Wenn wir als landwirtschaftlicher Berufszweig in unserer modernen Zivilisation langfristig bestehen wollen, dann müssen wir das auch der nächsten Generation vorleben. Wir müssen unseren Mitarbeitern vorleben, dass man Geschäftsführer sein und gleichzeitig ein normales Leben führen kann, in dem man beispielsweise auch einmal in den Urlaub fährt. Für die meisten Menschen ist es schließlich völlig normal, zwei- oder dreimal im Jahr Urlaub zu machen.
Lars Aspermühle:
Ja, sonst wird es wahrscheinlich irgendwann schwierig mit der Produktion. Wenn du irgendwann niemanden mehr findest, der sagt: „Das ist für mich interessant, auch wenn es ein 24-Stunden-am-Tag-, 7-Tage-die-Woche-Job ist, bei dem ich praktisch keine private Freizeit mehr habe“, dann sagen die Leute irgendwann: „Das interessiert mich nicht.“
Hendrik van Aken:
Bei mir ist das vielleicht noch nicht der Fall. Aber wenn die nächste Generation kommt, also wenn man Kinder hat, dann ist es auch eine Frage dessen, was man ihnen vorlebt. Wenn sie erleben, dass du nicht da bist und nie in den Urlaub fährst, dann prägt sie das natürlich. Dabei ist es ja überhaupt nichts Schlimmes, wenn man auch einmal nicht in der Urlaub fährt
Man kann schließlich auch zu Hause eine schöne Zeit verbringen.
Ich möchte damit auch niemandem sagen, dass ich das schlecht finde. Ich kenne die Situation in sehr vielen landwirtschaftlichen Betrieben und ziehe vor den Menschen dort wirklich meinen Hut. Es ist ein enorm hohes Arbeitspensum, das sie leisten.

Hendrik in Urlaubsstimmung
Aber wir sehen eben auch, dass die nachfolgenden Generationen häufig keine Lust darauf haben. Die Kinder bekommen in der Schule vorgelebt, was für andere ganz normal ist: In den Osterferien fährt man in den Urlaub, in den Sommerferien geht es zwei oder drei Wochen irgendwohin, in den Herbstferien fährt man vielleicht noch einmal weg und im Winter geht es in den Skiurlaub.
Das bekommen die Kinder natürlich mit, weil sie sehen, dass all ihre Freunde diese Dinge machen, während sie selbst zu Hause auf dem Hof bleiben. Und vielleicht macht ihnen das irgendwann auch nicht mehr so viel Spaß. Dann kann ich verstehen, dass manche Jugendliche oder Kinder irgendwann ein gewisses Ressentiment entwickeln und sagen: „Das ist eigentlich nicht mein Traum.“
Genau das versuchen wir bei uns ganz bewusst mit einzubringen. Es ist nicht nur in Ordnung, Urlaub zu machen – es ist gut, Urlaub zu machen. Man muss auch einmal Pause machen.
Ich merke das bei mir selbst. Ich bin jetzt nicht unbedingt der stressresistenteste Mensch. Ich habe ein bestimmtes Niveau, das ich gut vertrage. Wenn dieses Niveau erreicht ist, muss ich auch einmal raus. Und wenn ich das nicht mache, wirkt sich das irgendwann auch auf meine Psyche aus.
Lars Aspermühle:
Verständlich. Das ist bei den meisten Menschen so.
Hendrik van Aken:
Ja, es gibt natürlich auch Menschen, die einfach immer weitermachen können. Vielleicht macht sich das dann irgendwann an anderer Stelle bemerkbar. Ich habe jedenfalls meine eigenen Themen, auf die ich achten muss. Meine mentale Gesundheit hat ihre Tücken, und deshalb muss ich entsprechend darauf achten. Manchmal muss ich dann einfach sagen: „Okay, verdammt, dann bleiben jetzt eben ein paar Dinge liegen.“
Lars Aspermühle:
Es ist ja auch gut, wenn man das kann.
Hendrik van Aken:
Ja. Ich habe über viele Jahre ausprobiert, wie es ist, wenn man das nicht kann, und daraus glücklicherweise gelernt. Inzwischen kann ich einigermaßen gut erkennen, wann ich an meine Grenzen komme, und mich dann auch bewusst zurückziehen. Das muss man dann eben auch tun.
Das war bei mir vor ein paar Wochen wieder so. Da habe ich irgendwann gedacht: „Boah, das kann ich eigentlich nicht bringen.“ Den Urlaub hatte ich allerdings schon geplant. Ich fahre jedes Jahr im Herbst nach Frankreich, eigentlich immer. Ein paar Jahre habe ich das teilweise nicht gemacht, und das hat mich im Nachhinein auch sehr geärgert. Man braucht diese Pause für den Kopf.
Dieses Jahr habe ich es gemacht, und trotzdem hat alles wunderbar funktioniert. Ich bin dann lediglich einen Tag früher zurückgekommen, weil es tatsächlich am brennen war. Danach war aber auch wieder alles in Ordnung.
Lars Aspermühle:
Bei uns ist es genauso. Wir hatten jetzt einige Jahre, in denen ich das Gefühl hatte, dass es einfach zu viel ist. Du kommst nicht davon weg und hast das Gefühl, keine Möglichkeit zu haben, etwas daran zu ändern. Dieses Jahr wurde es dann etwas entspannter. Wir haben angefangen, einige Dinge umzustrukturieren, und inzwischen ist es tatsächlich ein bisschen besser geworden.
Hendrik van Aken:
Ja, das ist ein wichtiges Thema. Es geht auch darum, Verantwortung abzugeben und darauf zu vertrauen, dass andere die Aufgaben genauso zuverlässig erledigen. Gleichzeitig muss man aber auch in der Lage sein, Verantwortung vernünftig zu übertragen.
Ich kann natürlich einfach wegfahren und sagen: „Du bist jetzt verantwortlich.“ So funktioniert das aber nicht. Das muss strukturiert sein. Man muss die Strukturen dafür schaffen, dass jemand anderes diese Verantwortung auch tatsächlich übernehmen und die entsprechenden Aufgaben erledigen kann.
Unsere Auszubildende sollte beispielsweise auch einmal bestimmte Aufgaben übernehmen. Im Nachhinein habe ich dann gemerkt, dass ich sie nicht ausreichend darauf vorbereitet hatte. Das muss man sich dann auch eingestehen und entsprechend nacharbeiten. Man muss schauen, dass man die Menschen um sich herum ausreichend vorbereitet, damit sie, wenn man selbst einmal nicht da ist, auch das erledigen können, was von ihnen erwartet wird.
Das ist schon ein wichtiges Thema.
Lars Aspermühle:
Vielleicht gehört aber auch dazu, damit zu leben, dass Mitarbeiter nicht denselben Perfektionismus an den Tag legen.
Ja, klar.
Hendrik van Aken:
Ja, klar.
Wobei ich diesen Perfektionismus selbst eigentlich gar nicht habe. Aber man darf sich auch nicht mit dem überfordern, was man zurücklässt. Denn das ist schon eine ganze Menge, die man ständig im Kopf hat.
Ich glaube, das vergessen manche Menschen manchmal. Das bei einem Geschäftsführer der Kopf schon ziemlich voll ist. Und wenn all diese Dinge dann auf eine Person einprasseln, die diese Verantwortung normalerweise nicht trägt, merkt man erst einmal, wie viele einzelne Dinge das eigentlich sind.
Man muss deshalb auch lernen, bewusst einige Sachen aus dem Kopf herauszulassen. Sonst macht man sich irgendwann selbst verrückt.
Lars Aspermühle:
Ich merke das bei uns ja auch. Wir haben so viele unterschiedliche Bereiche, dass sich die Aufgaben entsprechend stark voneinander unterscheiden. Da sind zunächst die einfachen Dinge wie das Packen von Paketen und Produkten. Dann hast du natürlich den Bürobereich mit Kundenbetreuung, E-Mails und ähnlichen Aufgaben.
Gleichzeitig musst du dich aber auch um Dinge wie die Bio-Zertifizierung und Bestellungen kümmern. Dazu kommen rechtliche Fragen, die du im Blick behalten musst: Wie aktuell sind deine Allgemeinen Geschäftsbedingungen? Wie sieht es mit dem Widerrufsrecht aus? Ändert sich beispielsweise etwas im EU-Recht? Und dann kommen noch steuerrechtliche Fragen und vieles mehr dazu.
Das ist alles schon ziemlich umfangreich. Und wenn du dann einen Mitarbeiter hast, der ausschließlich Pakete packt, hat der natürlich einen ganz anderen Aufgabenbereich.
Das ist auf jeden Fall schon umfangreich.
Hendrik van Aken:
Also ja, ich mache Urlaub.
Lars Aspermühle:
Das ist gut.
Noch einmal zum Saatgut. Produziert ihr euer eigenes Saatgut?
Hendrik van Aken:
Teils, teils. Gerade bei Getreide ist das gar nicht so einfach. Wenn du beispielsweise einen Erreger im Bestand hast – und das kann im Biolandbau durchaus einmal vorkommen –, ist das natürlich problematisch. Wenn du etwa Rostbrand oder Mehltau im Bestand hast, musst du auf Saatgut von anderen Betrieben zurückgreifen.
Da ist es natürlich gut, dass es Saatgutvermehrungsbetriebe gibt, die sauberes Saatgut produzieren, auf das man zurückgreifen kann.
Wir verwenden unser eigenes Saatgut, wenn wir eine gesunde Pflanze hatten. Dann machen wir einen Nachbau. Wenn irgendetwas nicht gepasst hat, bestellen wir neues Saatgut.
Wir sind bei den Sorten auch ziemlich festgelegt. Bei Leinsamen und Einkorn verwenden wir beispielsweise seit Jahren unser eigenes Saatgut. Bei Roggen und Weizen sieht es dagegen anders aus. Da verwenden wir das Saatgut eigentlich höchstens zwei Jahre. Meistens bauen wir einmal damit nach und bestellen anschließend wieder neues.
Weil sonst die Ertragsleistung oder die Kulturgesundheit nicht mehr passt.

Leinsamen-Kapseln
Lars Aspermühle:
Es wäre also nicht unbedingt sinnvoll, selbst wenn man eine gesunde Pflanze hat, jedes Jahr dasselbe Getreide für die nächste Aussaat zu verwenden?
Hendrik van Aken:
Wenn die Bestände jedes Jahr vollkommen gesund sind, könnte man es machen.
Ich hatte beispielsweise auch schon einmal Roggen, den ich vier Jahre hintereinander mit demselben Saatgut angebaut habe. Irgendwann ist dann aber ein Jahr dabei gewesen, in dem es richtig schiefgegangen ist.
Lars Aspermühle:
Okay, und dann musst du wieder neues Saatgut nehmen?
Hendrik van Aken:
Genau, dann musst du einmal neu säen.
Lars Aspermühle:
Ich überlege gerade: Das war früher wahrscheinlich auch schwierig, wenn die Menschen in Hungersnot waren und sich beispielsweise kein neues Saatgut kaufen konnten. Wenn du eine schlechte Ernte hattest, hattest du für das nächste Jahr zunächst einmal ebenfalls ein Problem.
Hendrik van Aken:
Und umso wichtiger ist es, wieder ein gutes, trockenes und ertragreiches Jahr zu haben.
Es ist schon gut, dass wir Saatgutvermehrungsbetriebe haben. Die leisten einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit.
Lars Aspermühle:
Genau. Also, warte mal, ich bleibe noch kurz bei den Pflanzen, denn auf das Thema Schafe wollte ich auch noch einmal kommen. Düngung, genau: Pflanzendüngung.
Macht ihr so etwas? Und wenn ja, wie?
Hendrik van Aken:
Ja. Auf dem Acker verwenden wir Schafmist und Rindergülle. Die Rindergülle kommt allerdings ausschließlich auf den Weizen und die Futtergerste. Das war es dann auch schon. Roggen, Einkorn, Leinsamen und Ackerbohnen werden ausschließlich mit Schafmist gedüngt.
Lars Aspermühle:
Okay. Sammelt ihr den Mist also auf euren Wiesen ein oder lasst ihr die Schafe dort weiden?
Hendrik van Aken:
Nein, das ist unterschiedlich. Zum einen beweiden die Schafe Flächen mit Zwischenfrüchten. Zwischen den Hauptkulturen bauen wir beispielsweise Ölrettich, Kleegras oder normales Gras an, das die Schafe dann abweiden.
Wenn die Schafe während der Lammzeit im Stall sind, fällt natürlich ebenfalls Mist an. Dieser wird anschließend auf den Flächen ausgebracht.

Schafe für Düngung und Schädlingsbekämpfung auf der Streuobstwiese
Lars Aspermühle:
Dann hatten wir das Thema Schädlingsbekämpfung ja theoretisch schon. Da passiert bei euch eigentlich nichts.
Bis auf die Kirschen, die gefressen werden.
Dann zum Thema Pflanzenbestäubung: Habt ihr dafür zusätzliche Maßnahmen oder setzt ihr beispielsweise Bienen- oder Hummelkästen ein? Das gibt es ja teilweise. Ich kenne es zum Beispiel aus Tomatengewächshäusern, wo gezielt Hummeln eingesetzt werden.
Hendrik van Aken:
Das machen wir nicht. Wir verfolgen hier sogar einen genau entgegengesetzten Ansatz. Zuchtbienen beziehungsweise Honigbienen verkleinern aus unserer Sicht die Nische für Wildbienen. Das steht im Gegensatz zu dem, was wir mit den Streuobstwiesen eigentlich erreichen wollen. Sie sollen Lebensräume für Wildtiere schaffen, also auch für Insekten.
Deshalb ist unser Ansatz genau entgegengesetzt: Wir wollen eigentlich keine Zuchtbienen auf den Streuobstwiesen haben, weil wir dort ohnehin nur einen relativ kleinen Lebensraum für die Tiere zur Verfügung stellen. Und wir haben das Bienensterben und ähnliche Entwicklungen ohnehin schon.
Deshalb sagen wir: In einem solchen naturnahen Lebensraum brauchen wir keine zusätzlichen Zuchtbienen.
Anders sehe ich das bei den Ackerbauflächen. Dort haben wir zwei, drei oder vier Bearbeitungsgänge im Jahr und greifen damit natürlich stärker in den Lebensraum ein. Gleichzeitig haben wir dort aber auch ein sehr hohes Aufkommen an Blühpflanzen. In diesen Bereichen könnte der Einsatz von Bienen wiederum sinnvoll sein.
Aktuell ist es bei uns allerdings noch nicht notwendig. Ich habe bislang nicht das Gefühl, dass wir irgendwo eine zu geringe Bestäubungsleistung haben. Aber das wäre ein Thema, bei dem ich sagen würde, dass ich es spannend fände, mich damit einmal näher zu beschäftigen.
Bei Raps beispielsweise ist das durchaus interessant. Dort ist es ja durchaus üblich, Bienenvölker auf die Flächen zu stellen. Bei den anderen Kulturen haben wir das bisher nicht, weil wir nicht in gleichem Maße auf eine bestimmte Bestäubungsleistung angewiesen sind.
Auch im Obstbau behaupten viele Leute immer wieder, dass wir zusätzliche Bienen einsetzen sollten. Das sehe ich allerdings nicht so. Wenn ich bei uns im Obstbau unterwegs bin und ernte, summt und brummt es überall. Ich sehe es deshalb eher genau andersherum: Ich möchte die natürlichen Populationen fördern und sie nicht zusätzlich gefährden. Imkerei macht für mich dort Sinn, wo wilde Populationen nicht so gut klarkommen.
Nachfolgend eine kleiner Bericht über die Streuobstwiese als Lebensraum.
Lars Aspermühle:
Raps wäre natürlich das beste Beispiel.
Ja, wobei ich dann wieder sagen muss, Rapshonig ist jetzt eigentlich nichts Besonderes. Das sage ich natürlich auch aus der Perspektive von jemandem, der Honig verkauft, weil ich mir denke: Rapshonig brauche ich eigentlich nicht unbedingt in meinem Sortiment. Erstens bekommt man ihn überall, und zweitens schmeckt er aus meiner Sicht einfach nicht besonders gut.
Hendrik van Aken:
Spannenderweise haben wir gerade ein Experiment gemacht. Wir haben Kastanienhonig, Frühtracht und Rapshonig. Der Raps und die Frühtracht werden mit Williamsbirne angesetzt, die Kastanie mit Whisky. Bisher gefällt mir der Raps mit Williamsbirne am besten. Das passt irgendwie besser zusammen.
Die Frühtracht finde ich geschmacklich eigentlich noch leckerer, aber in dieser Kombination hat mir der Raps mit Williamsbirne besser gefallen.
Lars Aspermühle:
Interessant, spannend. Der Rapshonig bringt eine relativ kräftige Süße mit. Aromatisch ist er eher zurückhaltend, aber dafür sehr süß.
Hendrik van Aken:
Genau. Die anderen Honigsorten überdecken die Williamsbirne eher, während der Rapshonig die Williamsbirne noch stärker hervorhebt. Für alles gibt es einen Ort, an dem man es sinnvoll einsetzen kann.
Lars Aspermühle:
Genau. Das müsste man dem Imker eigentlich nahelegen: „Verkauf den nicht im Laden, sondern gib ihn in Alkohol. Gib ihn in den Williams. Dann schmeckt er auch.“
Dann noch zum Thema Agroforst, weil wir gerade bei den Bäumen und auch bei der Diversität waren: Ist Agroforst bei euch ein Thema?
Also, Streuobstwiese und Agroforst sind nicht zwangsläufig dasselbe. Das sind schon unterschiedliche Konzepte.
Hendrik van Aken:
Wissenschaftlich gesehen ist es dasselbe.
Also, eine Streuobstwiese ist immer ein Agroforstsystem. Ein Agroforstsystem kann aber ganz unterschiedliche Formen haben – unter anderem auch eine Streuobstwiese.
Eine Streuobstwiese ist ein sogenanntes silvopastorales Agroforstsystem, um es einmal etwas geschwollen auszudrücken.
Anmerkung Aspermühle:
In unserem Ratgeberartikel Wildbienen in der Agrarlandschaft von Anna-Lea Ortman, finden Sie ausführliche Informationen, über die Wichtigkeit von Agroforstsystemen, als Lebensraum für vielfältige Insektenpopulationen.
In unserem Ratgeberartikel Wildbienen in der Agrarlandschaft von Anna-Lea Ortman, finden Sie ausführliche Informationen, über die Wichtigkeit von Agroforstsystemen, als Lebensraum für vielfältige Insektenpopulationen.
Lars Aspermühle:
Gut zu wissen. Was bedeutet das im Endeffekt?
Hendrik van Aken:
Silvopastoral bedeutet, dass es eine Waldkomponente gibt und darunter eine Beweidung stattfindet.
Lars Aspermühle:
Okay. Es muss also nicht zwangsläufig so sein, dass dort zusätzlich noch etwas angebaut wird?
Hendrik van Aken:
Ja, wobei Gras natürlich auch eine Kultur ist.
Lars Aspermühle:
Das stimmt.
Hendrik van Aken:
Das ist eine Nutzkultur, die wir dort angelegt haben. Es handelt sich um ein vom Menschen geschaffenes Nutzungssystem, das es in dieser Form so nicht natürlich gibt. Die Hauptkultur ist unten das Dauergrünland. Darüber befindet sich als zweite Ebene ein Waldnutzungssystem aus Obstbäumen. Das ist ein silvopastorales Agroforstsystem.
Das ist neben Heckenstreifen eines der am weitesten verbreiteten Agroforstsysteme. Aber natürlich ist das nicht das, was mit Agroforst grundsätzlich gemeint ist.
Nachfolgend noch ein Video über die Nutzung von Agroforstsystemen.
Hendrik van Aken:
Wir integrieren beispielsweise auch Streuobstsysteme in den Ackerbau, bei denen weiterhin die klassischen Kulturen angebaut werden.
Lars Aspermühle:
Als Streifen?
Hendrik van Aken:
Ja. Als Streifenkulturen werden dort Hochstämme in die Flächen gepflanzt. Wir haben vor vier Jahren ein solches Testsystem angelegt, und nächste Woche legen wir ein zweites System an – diesmal mit einer Mischkultur aus Hoch- und Niederstämmen innerhalb der Streifen.
Das ist ein Thema, das meiner Meinung nach relevant bleiben wird: Heckenkulturen oder allgemein Streifenkulturen im Ackerbau. Das ist ein ähnliches Thema wie Malz. Darüber könnten wir eigentlich auch ein ganzes Interview machen.
Es geht letztlich darum, die Resilienz der Flächen zu erhöhen, Windbruch zu erzeugen, für mehr Beschattung zu sorgen und das Wasser in den Flächen zu halten.
Lars Aspermühle:
Genau, Wasser in den Flächen zu halten, ist dabei auf jeden Fall wichtig.
Ich glaube, Sanddorn ist dafür eine sehr gute Pflanze.
Hendrik van Aken:
Dafür braucht man allerdings den richtigen Boden. Das sagt ja schon der Name. Er wächst auf eher sandigen Böden und ist von schwerem Boden nicht unbedingt begeistert.
Lars Aspermühle:
Das ist eine Pflanze, die sehr gut mit Wasser umgehen kann und es entsprechend speichern kann. Sanddorn ist dafür also optimal geeignet.
Ich hatte in einem unserer Ratgeberartikel auch ein Projekt erwähnt, bei dem Sanddorn gezielt eingesetzt wurde, um auf stark erodierten Böden wieder Vegetation und einen Flusslauf anzulegen. Dort hat er tatsächlich enorm viel Wasser aufgenommen und gespeichert.
Anmerkung Aspermühle:
In unserem Ratgeberartikel Einheimische Superfoods und essbare Wildpflanzen finden Sie weitergehende Informationen wie erodierte Böden mit Hilfe von Sanddornbüschen geschützt werden können.
In unserem Ratgeberartikel Einheimische Superfoods und essbare Wildpflanzen finden Sie weitergehende Informationen wie erodierte Böden mit Hilfe von Sanddornbüschen geschützt werden können.
Hendrik van Aken:
Das ist ein Riesenthema für sich. Wir beschäftigen uns damit sehr intensiv, weil ich unsere Flächen nachhaltig umstellen möchte. Mir ist wichtig, dass wir sie auch in 20 oder 30 Jahren noch bewirtschaften können und dass daraus nicht irgendwann Sandwüsten werden.
Lars Aspermühle:
Genau, damit sind wir eigentlich schon beim Thema Klimawandel und der Frage, wie man sich darauf vorbereitet.
Hendrik van Aken:
Agroforst ist dabei ein wichtiger Faktor. Ich schreibe gerade meine Meisterarbeit über pfluglose Bewirtschaftung. Im Rahmen der Meisterarbeit müssen wir zwei praktische Projekte durchführen.
Das erste Projekt läuft über zwölf Monate. Dabei begleiten wir eine Kultur – in diesem Fall Backweizen – und untersuchen, wie sie sich unter biologischer Bewirtschaftung im Vergleich zu unserer herkömmlichen Bodenbearbeitung mit dem Pflug entwickelt. Wir stellen dem also einen pfluglosen Ansatz gegenüber.
Lars Aspermühle:
Kommen wir damit eigentlich schon in den Bereich der Permakultur?
Hendrik van Aken:
Nein, Permakultur ist noch einmal etwas ganz anderes. Wenn du jetzt ausschließlich darauf hinauswillst, dass der Boden nicht aufgebrochen wird, dann ist das sicherlich ein Aspekt, der auch in der Permakultur eine Rolle spielt. Aber davon sind wir noch weit entfernt.
Wir betreiben schließlich weiterhin großflächig Bodenbearbeitung mit schweren Maschinen. Ich werde deshalb auch nicht anfangen, auf meinen Trecker zu verzichten.
Lars Aspermühle:
Ja, das macht auch Sinn. Gerade bei den Mengen, die ihr bewirtschaftet, würde das sonst vermutlich nicht funktionieren.
Hendrik van Aken:
Ich könnte natürlich auch 200 Mitarbeiter beschäftigen und andere Kulturen anbauen, aber dann wären wir im Feingemüsebau oder in einem ähnlichen Bereich.
Lars Aspermühle:
Ja, dann sind wir auch wieder beim Thema Lohnkosten.
Hendrik van Aken:
Ja. Darauf habe ich ehrlich gesagt überhaupt keine Lust. Ich habe großen Respekt vor jedem, der Gemüse anbaut, aber damit kann man mich wirklich jagen. Düngen und Unkraut jäten – das ist für mich der absolute Todfeind.
Lars Aspermühle:
Das ist eher das, was die Solidarische Landwirtschaft in Kleve macht.
Hendrik van Aken:
Ja. Mein Vater hat jedenfalls mein ganzes Leben lang versucht, mich dafür zu begeistern. Ich esse Gemüse total gerne, ich liebe es sogar, aber...
Weiter geht es in Teil 4.